Stell dir einmal folgende Situation vor: Du sitzt mit einem Freund oder einer Freundin im Café. Dein Gegenüber erzählt dir, wie tief es von einem anderen Menschen verletzt wurde. Plötzlich sagt es: „Ich werde mich rächen. Ich habe ein Gift gekauft, das den Körper langsam von innen zerstört. Ab heute werde ich jeden Tag einen Schluck davon trinken. Dann wird der andere schon sehen, was er davon hat!“
Was würdest du antworten? Wahrscheinlich: „Das ist doch völlig verrückt! Du schadest dir selbst, obwohl du den anderen treffen willst.“ Natürlich würde niemand ernsthaft auf diese Idee kommen. Oder vielleicht doch?
Es gibt einen Satz, der mich immer wieder nachdenklich macht: „Unvergebenheit ist wie Gift, das man selbst trinkt und hofft, dass der andere daran stirbt.“
Genau das passiert nämlich, wenn wir an Bitterkeit festhalten. Wir glauben, wir würden den anderen bestrafen. Tatsächlich schaden wir aber vor allem uns selbst. Der andere lebt vielleicht längst weiter, während wir die Verletzung Tag für Tag mit uns herumtragen.
Dabei wünschen wir uns doch alle Frieden. Frieden in unseren Familien. Frieden in unseren Freundschaften. Frieden am Arbeitsplatz. Frieden in der Gemeinde.
Doch oft knüpfen wir diesen Wunsch an eine Bedingung: Der andere soll sich zuerst entschuldigen. Der andere soll sich ändern. Der andere soll den ersten Schritt machen.
Jesus zeigt einen anderen Weg. Friedensstifter warten nicht darauf, dass der andere perfekt handelt. Sie handeln aus der Erfahrung heraus, dass Gott ihnen selbst vergeben hat. Deshalb gibt es ohne Vergebung keinen echten Frieden – weder mit anderen noch in unserem eigenen Herzen.
Vergebung bedeutet allerdings nicht, Unrecht kleinzureden oder so zu tun, als wäre nichts passiert. Sie bedeutet auch nicht, dass Vertrauen sofort wiederhergestellt ist. Vergebung heißt vielmehr, auf Vergeltung zu verzichten und Gott die letzte Gerechtigkeit zu überlassen.
Damit befreien wir nicht nur den anderen. Wir befreien auch unser eigenes Herz. Paulus schreibt: „Seid freundlich und mitfühlend zueinander und vergebt euch gegenseitig, wie auch Gott euch durch Christus vergeben hat.“ (Epheser 4,32)
Das ist der entscheidende Punkt. Wir vergeben nicht, weil der andere es verdient hätte. Wir vergeben, weil wir selbst Menschen sind, denen Gott unverdiente Gnade geschenkt hat. Deshalb sagt Jesus auch: „Wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben.“ (Matthäus 6,14)
Jesus meint damit nicht, dass wir uns Gottes Vergebung verdienen müssten. Seine Vergebung ist ein Geschenk der Gnade. Aber unsere Bereitschaft zu vergeben zeigt, ob wir diese Gnade selbst wirklich verstanden und angenommen haben.
Vergebung ist deshalb selten ein einmaliger Moment. Sie ist oft eine Entscheidung, die wir immer wieder neu treffen müssen. Manche Wunden sitzen tief. Manche Verletzungen begleiten uns über Jahre.
Doch jedes Mal, wenn wir vergeben, verliert die Bitterkeit ein Stück ihrer Macht über unser Leben. Frieden beginnt nicht erst dann, wenn der andere sich verändert. Frieden beginnt dort, wo wir aufhören, das Gift der Unvergebenheit zu trinken.
Herausforderung für heute: Gibt es Menschen, deren Verletzungen du bis heute mit dir herumträgst? Dann triff heute bewusst die Entscheidung zu vergeben. Vielleicht folgen deine Gefühle noch nicht sofort. Das ist in Ordnung. Vergebung beginnt oft mit einer Entscheidung und erst später nimmt das Herz sie auf.
Und wenn Wut oder Groll wieder hochkommen, dann vergib erneut. Nicht weil das Unrecht klein wäre, sondern weil Christus größer ist als deine Verletzung.
Lass nicht zu, dass Bitterkeit dein Herz vergiftet. Lass Gottes Gnade stärker sein.
Sei gesegnet!
„Vergebung verändert nicht die Vergangenheit, aber sie erweitert die Zukunft.“— Paul Boese


